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Unter Druck: Paulskirchen-Sanierung überfordert Frankfurt

Verantwortlicher Autor: Michael Scheuermann Frankfurt am Main , 07.01.2020, 20:46 Uhr
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Frankfurt am Main [ENA] Wer wie Frankfurt mit der 200 Millionen Euro schweren Fachwerkhäuser-Rekonstruktion samt ein paar Altstadtgassen zum Retrojunkie geworden ist, der geht ohne Federlesens auf die viel kleinere, knapp 50 Millionen Euro umfassende technische Generalüberholung der Paulskirche samt „Demokratiezentrum“ zu. Die Kirche ist Symbol für die Nationalversammlung von 1848 und für den demokratischen Neuanfang hundert Jahre später.

An vorderster Front der Bauwütigen in der Mainmetropole steht der wegen privater Vorteilsnahmen angeschlagene Oberbürgermeister Peter Feldmann. Er will unbedingt mit dem Bau eines "Demokratiezentrums" auf dem der Kirche vorgelagerten Paulsplatz in die Geschichte eingehen – als einsamer Bauherr oder als basisdemokratisch gesinnter Lokalfürst, der die kleinen Leute an Idee und Realisierung des Bauprojektes Projektes ein bischen zu beteiligen gedenkt. Dass das kurzschlüssige Gezerre um die von Berlin zugesagten Millionen nicht völlig aus dem Ruder läuft, daran haben zum einen das örtliche Deutsche Architekturmuseum (DAM) mit einer engagiert-umsichtigen Begleitausstellung zu (Bau)geschichte, Kriegszerstörung und Renovierungen Anteil

So spricht sich der Leiter des Hauses, Peter Cachola Schmal, in der Schau klar gegen eine Rekonstruktion des Nachkriegsbaues aus. Er empfiehlt, "das bundesrepublikanische Denkmal zu putzen und zu pflegen". Wolle man den Urzustand wieder herstellen, müsse man das Gebäude bis auf die Grundmauern abtragen und völlig neu bauen. Auch Vertreter aus der Denkmalpflege und der Landespolitik haben sich für eine zurückhaltende Sanierung der Frankfurter Paulskirche ausgesprochen. Leitschnur sei der in "architektonischer Bescheidenheit" erfolgte Wiederaufbau 1947/48 stellt etwa die hessische Kulturministerin Angela Dorn (Grüne) fest.

Ein anderer Besonnener, der Präsident des hessischen Landesamtes für Denkmalpflege, appelliert an „die gemeinsame Verantwortung von Bund, Land und Stadt für dieses national bedeutsame Baudenkmal" für Denkmalpflege. Die "zurückhaltende Schlichtheit" des Entwurfs der Kirche von Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz erkläre sich aus der bewussten Konfrontation mit der Kriegsruine und erinnere so an die Ursache der Zerstörung. Währenddessen sucht OB Feldmann der Paulskirche ein "Demokratiezentrum" beizustellen. Entscheidend sei, "dass die Menschen verstehen, was der Geist der Paulskirche ist" doziert das Stadtoberhaupt.

Auch die Auschwitzprozesse ab 1963, von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer organisiert, stünden für ein selbstbewusstes Frankfurt. So sei es bis heute geblieben mit dem radikalen Demokratieverständnis. Die demokratischen Alt-68er stünden fest auf den Schultern der Alt-48er. Das sei Frankfurts Tradition. Für Feldmann leitet sich daraus ein „Auftrag aus der Geschichte Deutschlands“ für die Aufwertung der Paulskirche in der Zukunft ab. Konkret soll nach den Wünschen des OB ein „Demokratiezentrum“ auf dem Paulsplatz entstehen, eng an die Kirche geschmiegt oder gar baulich verbunden. Dem Paulsplatz tue das nicht weh, es stünden heute lediglich zahlreiche Bäume dort und es gebe Eiscafés und Restaurants mit Tischen. Das sei „sehr problematisch“.

Im Auftrag von Feldmann hat das Frankfurter Planungsbüro Albert Speer&Partner ein Gutachten zur Errichtung eines zweistöckigen Dokumentationszentrums zur Geschichte der Paulskirche vorgelegt. Es soll junge Menschen zur Einübung demokratischen Handels befähigen und zum Zentrum für Veranstaltungen gegen das Erstarken des Rechtspopulismus werden. Viel mehr an Bildungsprogrammatik in Sachen Demokratie liegt bedauerlicherweise bislang nicht vor. Die Ausstellung „Paulskirche – ein Denkmal unter Druck“ läuft bis 16.2.2020 im Deutschen Architekturmuseum (DAM). Die Schau ist ein gemeinsames Projekt des DAM und der Wüstenrot Stiftung.

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